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Letzte 15 Jahre bis heute


Der Schlafkomfort – speziell Matratzen - hat in den letzten Jahren eine enorme Entwicklung erfahren. Nach dem grossen Trend der Latexmatratzen mit grossem Wachstum in den Neunzigerjahren kam auf die Jahrtausendwende im Jahr 2000 eine Stagnation. Latex hielt in der Folge qualitativ leider nicht das, was man sich von diesem Material erhoffte. Muldenbildung, Hitzestau und ein hohes Gewicht verlangte nach anderen Lösungen. Ab 2003 kamen Matratzen mit Kunststoff-Federelementen auf den Markt. Zusätzlich immer mehr themenspezifischen Modelle mit Polarisierungen: spezielle Klimamatratzen, Hygienematratzen, Ergonomiematratzen, druckentlastende Matratzen – eine Segmentierung wie es bei reifen Märkten vielfach der Fall ist. Dazu kamen neuartige, viel wirksamere Materialien, die ähnlich wie bei der Sportbekleidung „intelligente“ Zusatzfunktionen aufwiesen. Diese grosse Dynamik bei der Entwicklung brachte den Schlafkomfort in wenigen Jahren in eine neue Ära. Mittlerweile erlebte die Schweiz in den letzten Jahren auch wieder eine Renaissance der traditionellen Boxspring-Betten, was der Federkern-Tradition von früheren Jahren entspricht. Federkern-Matratzen waren in der Schweiz jedoch bereits eine  Randerscheinung, wegen Vorbehalten gegen Metall und eingeschränkter Ergonomie-Anpassung. Doch durch die Zunahme der ausländischen Wohnbevölkerung, Mangel an wahren Innovationen und „kreativer Werbesuggestion“ von einem angeblichen Luxus-Hotel-Komfort (was meistens nicht stimmt, da Hotels in den allermeisten Fällen – meistens auch 5*-Hotels! - nicht viel für Matratzen ausgeben!) sind in der Schweiz Federkern-Matratzen (oder „Boxspring“) wieder ein Thema geworden. Doch Achtung: Da sich unter dem Namen „Boxspring“ die meisten Schweizer nicht viel vorstellen können, kreiert man daraus einen höheren Wert, der im Ausland als weit geringer bzw. normal und mit weniger glamourösen Attributen eingestuft wird, als in der Schweizer Werbung. Diese Wahrnehmung wird sich durch die Konsumentenerfahrung wieder relativieren.

Nicht alle Hersteller konnten auf diese diversen, neueren Markttrends in den letzten Jahren reagieren. Die Kehrseite dieser Dynamik war sicherlich auch, dass der Handel bzw. die Verkaufsberater wegen der zugenommenen Komplexität mit der Beratung an ihre Grenzen stiessen. Neu kam das Internet hinzu, wodurch die neuen Systeme und Vorteile parallel von der Herstellerseite vermittelt werden konnten. Der Markt teilte sich in der Folge in einige erfolgreiche Hersteller, welche die Trends machten bzw. nutzen konnten. Und in eine andere grosse Anzahl von Hersteller, die unter der Dynamik des Marktes litten und überdurchschnittlich verloren - darunter nicht wenige traditionelle Marken. Aus Verzweiflung an fehlenden, echten Ideen machen heute viele Hersteller verstärkt Aktionen, um dem Negativtrend zu entgehen. Grosse Hersteller können kaum mehr Trends durch Innovation lancieren, da sie schwerfällig und kostenoptimierend funktionieren. Sie kopieren vielfach Modelle kleiner, innovativer Manufakturen, die für ihren Erfolg kreativ und qualitativ hochwertig sein müssen.  Speziell zu erwähnen ist, dass heute die meisten grossen Matratzenhersteller keine Matratzenkerne mehr selber herstellen, sondern diese absolute Kernkompetenz von Drittlieferanten „vertrauensvoll“ machen lassen! Auch Matratzenhüllen werden heute vielfach von externen Partnern fertig angeliefert. Es bleibt beim Konfektionieren und Verpacken. Eine bekannte Marke dient als  „Vertrauensschild“. Was bleibt da noch „Homemade“? Und bei Details, die man nicht sieht oder sich nicht bewusst ist (zum Beispiel Reissverschluss bei Hüllen), wird heute vielfach gespart. Lesen und fragen Sie für Details nach - Sie werden staunen! Meist sind dafür auf der anderen Seite gerade bei Konzern-Marken die Preise sehr hoch geworden - zu hoch für diese Auslagerungen und Sparmassnahmen. Diese „Wertschöpfung“ ist für die Investoren und geht zu Lasten der Mitarbeiter und Kunden.

Die Interessen des Handels stehen heute bei den Überlegungen der Hersteller immer mehr im Vordergrund. Der Umsatz, die Margen und die Werbeunterstützung für den Händler sind heute leider meistens wichtiger als die Kundenorientierung, bzw. Kundenvorteile. Durch das immer breiter werdende Angebot und den zunehmenden Konkurrenzdruck wird die richtige Beratung im Fachgeschäft immer mehr zum Spiessrutenlauf. Dies merkt man daran, dass man in mehreren besuchten Fachgeschäften komplett unterschiedliche Anhaltspunkte für das richtige Schlafsystem zu hören bekommt, was noch mehr verwirrt statt hilft. Will man sicher sein, die richtige Matratze zu finden, wird die Experten-Beratung noch wichtiger werden.

Zu erwähnen ist die Tatsache, dass die meisten Schweizer Hersteller heute leider ausländischen Konzernen bzw. Investorengruppen gehören, was deren Entwicklung durch harte Kostensparprogramme nachhaltig einschränkt. So gehören beispielsweise BICO und Happy heute zur Schwedischen Hilding Anders-Gruppe, Swiss-flex, Superba, Lattoflex gehören zur belgischen Recticel-Gruppe.



Letzte 60 Jahre

Der Schlafkomfort hat sich vor allem seit Ende der Fünfzigerjahre in der Schweiz radikal verändert. Bis dahin bestand ein Bett aus einem flexiblen Drahtgeflecht als Basis und einer oder mehrerer gepolsterten Auflagen aus diversen Materialien. Vielfach war es eine Auflage aus Rosshaar, da es in der Schweiz zu diesem Zeitpunkt noch sehr viele Pferde gab, die in der täglichen Arbeit eingesetzt wurden. Viel früher schliefen die Menschen auf mit Stroh gefüllten Säcken.

Der grosse Umbruch in der Schweizer Bettindustrie kam mit einer neuen Matratzentechnologie - mit der Erfindung des Schaumstoffs. Vor über 50 Jahren wurde dieses neue Material in verschiedenen Bereichen eingesetzt und man entdeckte die hohen Komforteigenschaften und Vorteile für Sitzmöbel und Betten. Wurden bis dahin vielfach die Bettauflagen von Sattlern gefertigt, die gelieferte Wollen und Haare vernähten, so entstanden nun neue Hersteller, die unter Ihrem Namen ganze Matratzen mit einem Schaumstoff-Kern herstellten. Als bekanntes Beispiel ist hier BICO zu erwähnen. Begleitet durch intensive Werbung traten die Schaumstoff-Matratzen in den Sechzigerjahre zu ihrem Siegeszug an. Dies führte dazu, dass bis in den letzten Jahren die Schaumstoff-Matratzen über 75 % der verkauften Matratzen in der Schweiz ausmachten. Die vielen Vorteile bei Komfort, Punktelastizität, Formerhaltung, Langlebigkeit, Gewicht, Pflege, Hygiene, usw. bewähren sich bis heute. Die Entwicklung der Schaumstoffe ging und geht immer weiter, da Schaumstoff einer Rezeptur unterliegt und sehr gut weiter entwickelt werden kann, was bei anderen Materialien wie Metall, Naturlatex, Wasser, usw. schwieriger ist. So gehört Schaumstoff auch heute zu den führenden Matratzen-Materialien.

Vor 50 Jahren wurde in der Schweiz auch der Lattenrost erfunden. Unter der Marke Lattoflex wurde eine flexible Unterlage aus mehreren Holzlatten konstruiert, die ergonomisch einen neuen Massstab setzte, da die Stützung mit gleichzeitiger Entlastung und flexibler Körperanpassung in dieser Ausprägung besser war. In der Folge wurde der Lattenrost von anderen Marken kopiert, weiter entwickelt und ist heute als «westlicher» Stil bekannt. Man kann sicher festhalten, dass dadurch die Schweiz beim Schlafkomfort auch heute noch in Bezug auf Ergonomie, Komfort und Hygiene weltweit einen Spitzenplatz einnimmt.

Bis Ende der Achtzigerjahre lag der Fokus klar bei neuen Schaumstoff-Matratzen. In den Neunzigerjahren war als Ergänzung zum Bewährten das Jahrzehnt neuer andersartiger Systeme. Auf breiter Basis setzte sich Latex durch, als spezielle Nischen kamen Wasserbetten, Luftbetten, Futon, viscoelastische Schäume. In der Folge blieben jedoch in jeder Nische nur eine bis zwei Marken übrig, die weiter existieren konnten. Bei Latex zeigten sich bald Qualitätsprobleme wie Muldenbildung, Hitzestau und eingeschränkte Langlebigkeit durch Brüchigkeit, so dass heute Latex bei führenden Herstellern keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Kam dazu, dass neue Hightech-Schaumstoffe die Vorteile des Latex bestens nachempfinden können. Latex sollte daher nur noch in der teuersten Qualität eingesetzt werden und nur spezifisch in Zonen, wo es sinnvoll ist.

Während die Entwicklung der Materialien und Systeme weiter geht, haben sich in anderen Ländern andere Systeme etabliert. Der unterschiedliche Schlafkomfort hat auch sehr stark mit der Tradition zu tun und dass die führenden Hersteller die jeweiligen Systeme und Materialien gefördert haben, die sich so als Standard etablieren konnten. Auch an welches System man sich gewöhnt hat und was der Handel verkaufen will (vielfach was er kennt und einfacher verkäuflich ist) oder auf was die Menschen bereits gut geschlafen haben. Hier gilt es, wie bei anderen Produkten, die fortlaufenden Innovationen zu erklären und die Menschen dafür zu begeistern. Tradition ist gerade beim Schlafkomfort meistens ein schlechter Ratgeber, sonst würden wir heute noch auf bewährten Strohsäcken liegen.